Kafka und die Indianer

Zu Kafkas Lieblingslektüre zählten ›Schaffsteins Grüne Bändchen‹: schmale Hefte, die überwiegend Erinnerungen und Reiseberichte enthielten, häufig Auszüge aus umfangreicheren Werken.

Klara Thein, eine Prager Zionistin, hat bezeugt, dass Kafka diese Bändchen auch bei Spaziergängen mit sich führte. Sie erinnerte sich noch im hohen Alter an eine Begegnung, bei der Kafka ihr die Schilderung einer Reise zu den Indianern des Amazonasgebiets zeigte und am Ende des Gesprächs auch schenkte. »Ich interessiere mich für Indianer«, soll er dabei geäußert haben.

Es handelte sich um einen Auszug aus Karl von den Steinens ethnologischem Standardwerk Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens, in dem der Verfasser seine zweite Xingu-Expedition von 1887-88 schildert. Das ›Grüne Bändchen‹, das Kafka las, erschien 1912 unter dem Titel Bei den Indianern am Schingu und enthielt auch einige Zeichnungen (siehe Abbildung).

Kafka kannte Indianer gewiss aus seiner Jugendlektüre und aus dem Kino. Sein kurzes Prosastück ›Wunsch, Indianer zu werden‹, das 1912 in dem Band Betrachtung veröffentlicht wurde, visualisiert den Indianer als perfekten Reiter: Hier standen ihm offenbar noch die Indianer Nordamerikas vor Augen. Denn in Zentralbrasilien wurden Pferde erst durch Europäer eingeführt, und die Reaktion der Eingeborenen auf das ihnen unbekannte große Tier wird in Karl von den Steinens Bericht, den Kafka bei sich trug, lebhaft geschildert.



Quelle: Klara Thein hat ihre Erinnerungen an Kafka in privaten Briefen an den Literaturwissenschaftler Hartmut Binder fixiert. Dieser zitiert sie in seinem Aufsatz ›Frauen in Kafkas Lebenskreis‹, in: Sudetenland, 39. Jg. (1997), Heft 4, sowie 40. Jg. (1998), Heft 1 (siehe hier Seite 25 und Anmerkung 206).