Ein Fragebogen unter Freunden

   Fragebogen

Gewichtszunahme?  8 kg

Totalgewicht?    über 65 kg

objektiver Lungenbefund? Geheimnis des Arztes,
              angeblich günstig

Temperaturen?   im allgemeinen fieberfrei

Atmung?      nicht gut,
          an kalten Abenden
          fast wie im Winter

Unterschrift:    Die einzige Frage die mich
          in Verlegenheit bringt



Kafka war nur schwer dazu zu bewegen, über den Stand seiner Tuberkuloseerkrankung Verlässliches preiszugeben. So sehr er zum Klagen neigte, wenn es um psychische Probleme ging, so einsilbig und unklar blieb er, wenn Freunde ihn nach Krankheitssymptomen oder nach den Ergebnissen ärztlicher Untersuchungen fragten. Da sie wussten, wie wenig Kafka von der Schulmedizin hielt (siehe das Fundstück ›Kafka glaubt den Ärzten nicht‹), und da er häufig ironische Antworten gab, hegten sie einen doppelten Verdacht: Zum einen schien es, als verkenne Kafka den Ernst seiner Situation (darin irrten sie), zum anderen schöpfte er offenkundig die gegebenen Möglichkeiten nicht aus, die Krankheit aufzuhalten (womit sie wohl recht hatten).

Um Kafka endlich einmal zu einer klaren Auskunft zu veranlassen, schickte ihm Max Brod am 12. Juni 1921 in seinen Kurort Tatranské Matliary einen »amtlichen Fragebogen zur ehebaldigsten Ausfüllung und Berichterstattung« – ein Scherz unter Beamten. Kafka ging auf das Spiel zwar ein, doch seine Antworten, die das Entscheidende, den Befund der Lunge, wiederum offen ließen, dürften Brod kaum beruhigt haben.

Kafka blieb auch weiterhin diskret. Als er etwa zwei Monate später – noch immer in Matliary – erneut heftiges Fieber bekam, erfuhr Brod dies nicht von Kafka selbst, sondern mündlich von dessen Vater.



Quelle: Max Brod/Franz Kafka, Eine Freundschaft. Briefwechsel, hrsg. von Malcolm Pasley, Frankfurt am Main (S.Fischer) 1989, S. 361f., 364.