Das Publikum flüchtet, Kafka bleibt
Bernhard Kellermann

Bernhard Kellermann hat vorgelesen: einiges ungedruckte aus meiner Feder, so fieng er an. Scheinbar ein lieber Mensch, fast graues stehendes Haar, mit Mühe glatt rasiert, spitze Nase, über die Backenknochen geht das Wangenfleisch oft wie eine Welle auf und ab. Er ist ein mittelmässiger Schriftsteller mit guten Stellen (ein Mann geht auf den Korridor hinaus, hustet und sieht herum, ob niemand da ist) auch ein ehrlicher Mensch, der lesen will, was er versprochen hat, aber das Publikum liess ihn nicht, aus Schrecken über die erste Nervenheilanstaltgeschichte, aus Langweile über die Art des Vorlesens giengen die Leute trotz schlechter Spannungen der Geschichte immerfort einzeln weg mit einem Eifer, als ob nebenan vorgelesen werde. Als er nach dem 1/3 der Geschichte ein wenig Mineralwasser trank, gieng eine ganze Menge Leute weg. Er erschrak. Es ist gleich fertig, log er einfach. Als er fertig war, stand alles auf, es gab etwas Beifall, der so klang als wäre mitten unter allen den stehenden Menschen einer sitzen geblieben und klatschte für sich. Nun wollte aber Kellermann noch weiterlesen eine andere Geschichte, vielleicht noch mehrere. Gegen den Aufbruch öffnete er nur den Mund. Endlich nachdem er beraten worden war sagte er: Ich möchte noch gerne ein kleines Märchen vorlesen, das nur 15 Minuten dauert. Ich mache 5 Minuten Pause. Einige blieben noch, worauf er ein Märchen vorlas, das Stellen hatte, die jeden berechtigt hätten, von der äussersten Stelle des Saales mitten durch und über alle Zuhörer hinauszurennen.



Der Schriftsteller Bernhard Kellermann (1879-1951) ist heute vor allem als Autor des Science-fiction-Romans Der Tunnel (1913) in Erinnerung, eines der spektakulärsten Bucherfolge des frühen 20. Jahrhunderts. Zuvor war Kellermann eher als Verfasser impressionistisch getönter Prosa bekannt.

Die Lesung in Prag, die Kafka wenige Stunden nach der Hochzeitsfeier seiner Schwester Elli vermutlich ohne Begleitung besuchte, fand am Sonntag, den 27. November 1910 um 17 Uhr im Spiegelsaal des Deutschen Kasinos statt. Bemerkenswert ist, dass er als einer der wenigen Zuhörer bis zum Ende ausharrte – offenbar in der für ihn charakteristischen Mischung aus Höflichkeit, Mitleid und Neugier. Seine Eindrücke notierte er noch am selben Abend.

Die Besprechung Ludwig Steiners im Prager Tagblatt des folgenden Tages bestätigt im wesentlichen Kafkas Schilderung: »Leider hatte der Dichter den sonderbaren Ehrgeiz, ihre [der Zuhörer] Geduld auf eine ziemlich harte Probe zu stellen. Auf seinem Programm stand eine umfängliche Prosa-Arbeit, deren Vorlesung beträchtlich mehr als eine Stunde in Anspruch nahm. […] Daher kam es, dass nach einstündiger Lesung das Publikum zuerst tropfenweise aus dem Saal sickerte, dann in breiterem Fluß hinausströmte und der Schluß nur noch von einem Rest der Hörerschaft mit ehrerbietigem Applaus – wenn man so sagen darf – begrüßt wurde.«

Bei der »Prosa-Arbeit« handelte es sich um die Erzählung Die Heiligen, die im Juni 1911 erstmals publiziert wurde (in der Neuen Rundschau, Berlin). Das von Kellermann als Zugabe gelesene Märchen Die Geschichte von der verlorenen Wimper der Prinzessin wurde erst 1979 aus seinem Nachlass veröffentlicht.



Quelle: Tagebucheintrag vom 27. November 1910, in: Franz Kafka, Tagebücher, hrsg. von Hans-Gerd Koch, Michael Müller und Malcolm Pasley, Frankfurt am Main (S.Fischer) 1990, S. 127f.

Foto: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus, Mannheim