Erinnerungen an Onkel Franz
Gerti Hermann

Ich war ein Kind, als der Onkel starb, und ich habe also keine direkten Erinnerungen an Gespräche mit ihm oder gar an seine Handlungen. Trotzdem kann ich mich sehr genau an ihn erinnern, denn er warf seinen Schatten auf unsere Kindheit. Seine drei Schwestern standen ganz unter seinem Einfluss, sie liebten und verehrten ihn als eine Art höheres Wesen. Wir Kinder liebten ihn nicht sehr, er schien uns unnahbar und etwas unheimlich und wir wichen ihm gewöhnlich aus. Ich sehe ihn klar vor mir, wie ich einmal in der Mikulášská třída an ihm vorüberging, eine große dunkle Gestalt mit einem Taschentuch vor dem Mund – er war damals schon krank und sehr darauf bedacht, niemanden anzustecken. Er wurde von seiner Umgebung sehr verwöhnt, bekam immer ganz besondere Speisen, so kann ich mich zum Beispiel erinnern, dass er ganze Teller voll geschälter Mandeln und Nüsse bekam, die ich natürlich viel lieber selbst gegessen hätte. Die zwei älteren Schwestern heirateten Geschäftsleute, die jüngere einen Dr. juris und sie blieben auch nachher, als wir Kinder aufwuchsen, sehr unter dem Einfluss des Bruders. Meine Mutter hat mir erzählt, dass, als sie noch alle Kinder waren, sie sehr von dem Onkel tyrannisiert wurden, so wie es ja natürlich ist für einen Bruder mit drei jüngeren Schwestern. Diese – ich möchte fast sagen – Anbetung hat sich erst in den späteren Jahren herausgebildet. Die Menschen in seiner Umgebung spürten seine Persönlichkeit auch ohne seine Bücher zu lesen und er wurde von den meisten Menschen sehr geliebt und geschätzt. Gewöhnlich reagierte er darauf gar nicht, denn er war ganz in seine eigene Welt versponnen.

Er konnte aber auch sehr liebevoll in Kleinigkeiten sein, so kann ich mich zum Beispiel erinnern, wie er einmal der Haushälterin meiner Großeltern einen Regenschirm zum Geburtstag schenkte. An der Spitze jedes Drahtes hingen, sorgfältig angebunden, Bonbons. Uns plötzlich war das ein ganz besonderer Regenschirm. Der einzige in seiner Umgebung, der vollkommen negativ auf ihn reagierte, war sein Vater, dem wäre ein Sohn wie mein Vater viel lieber gewesen. Sein Sohn war ihm vollkommen fremd und eine große Enttäuschung. Er war ein Geschäftsmann, der sich von klein auf durch harte Arbeit, großen Fleiß und praktischen Sinn emporgearbeitet hatte. Er hätte sich gewünscht, dass sein einziger Sohn sein Geschäft übernehmen würde und in seinen Fußstapfen durch das Leben gehen würde. Mit einem Träumer, der unsichtbare Kämpfe führte und unverständliche Bücher schrieb, die damals kein Geld einbrachten, wusste er überhaupt nichts anzufangen. Der Onkel spürte das natürlich, und das Verhältnis zu seinem Vater wuchs zu einem enormen Hindernis, über das er in seinem ganzen Leben nicht hinwegkam. Der Onkel, der selbst nicht verheiratet war, interessierte sich sehr für Kindererziehung. Er beeinflusste auch in dieser Hinsicht seine Schwestern und nahm Anteil an uns Kindern. Er schenkte uns Bücher, riet den Schwestern zu welchen Vorträgen und Theaterstücken zu gehen usw. Ich kann mich erinnern, dass er meiner Mutter einmal den Rat gab, mich mit 10 oder 12 Jahren wegzugeben von zu Hause und mich in eine Tanzschule nach Hellerau zu geben. Aus diesem Experiment wurde nichts, weil meine Mutter davor zurückschreckte mich so bald von zu Hause wegzuschicken. Er muss wohl eine sehr unglückliche Kindheit gehabt haben, denn ich erinnere mich noch an den Ruf »weg von zu Hause mit den Kindern«, der von ihm stammte. Die Atmosphäre, die von ihm ausging und sich in seinen Schwestern widerspiegelte, war sehr eigenartig. Wir Kinder wuchsen auf in einem gutbürgerlichen, sehr geregelten Milieu, das aber doch sehr verschieden war von dem anderer Menschen in derselben sozialen Schicht, eben durch diesen Einfluss, der von Franz Kafka ausging und sich auf seine Schwestern übertrug. Meine Mutter war seine älteste Schwester. Aber alle drei Schwestern Kafkas waren sehr sensitiv und hatten eine große Einfühlungskraft. Im Leben meiner Mutter spielten wir Kinder, ihr Mann eine sehr positive Rolle, die sie ausfüllte, aber all das war ihr irgendwie sehr selbstverständlich. Tiefer als das ging der Einfluss ihres Bruders. Durch ihn war sie mit allem Kostbaren und Schönen und auch Schweren und Unerklärlichem verbunden, und sie konnte sich einfühlen in seine Welt. Aber eben durch ihre passive Veranlagung konnte sie ihm nie viel helfen, sondern immer nur verstehen, sich einfühlen. Die jüngste Schwester war viel energischer und aktiver, und sie stand meinem Onkel, glaube ich, am nächsten. Sie war ihm mehr ein Kamerad, und sie verbrachten oft Ferien zusammen. Der Tod ihres Bruders war der erste schwere Schlag, den das Leben den drei Schwestern versetzte. Die Zeit verwischte etwas sein Antlitz, aber nie ihre Liebe und Verehrung für ihn. Und das Schicksal versetzte ihnen bald viele andere Hiebe. – Die Nazis sind mit der Familie Franz Kafkas so verfahren wie mit tausenden anderen. Alle drei Schwestern wurden irgendwo, irgendwann in Polen vergast …


Gerti Kaufmann (geb. Hermann, 1912–1972) war eine Tochter von Kafkas ältester Schwester Elli. Zumindest im Sommer 1923 muss sie ihren Onkel Franz Kafka aus größerer Nähe erlebt haben, als aus diesen Erinnerungen hervorgeht, denn sie verbrachte mit ihm, ihrer Mutter und den Geschwistern einen fünfwöchigen Urlaub im Ostseebad Müritz. Erhalten hat sich auch ein Buchgeschenk Kafkas an Gerti, siehe das Fundstück ›Selbstgespräch des Onkel Franz‹.



Quelle: Erstmals veröffentlicht in: Max Brod, Der Prager Kreis, Stuttgart 1966, S. 116-118. Wieder abgedruckt in: »Als Kafka mir entgegenkam …« Erinnerungen an Franz Kafka, hrsg. von Hans-Gerd Koch, erweiterte Neuausgabe, Berlin 2005, S. 223-226.

Foto: Hans-Gerd Koch, Hagen